Quelle: Münchner Merkur, 19. Dezember 2006
Eine Zuflucht im Hasenbergl
Die Einrichtung „Lichtblick“ hilft sozial benachteiligten Kindern
Eine Woche lang wollte Julia nicht zur Schule gehen, um keinen Preis. Krank war die Siebenjährige nicht. Es dauerte lange, bis Johanna Hofmeir, Leiterin der Einrichtung „Lichtblick Hasenbergl“ herausfand, was Julia hatte. Oder besser: Was sie nicht hatte. Julias Eltern konnten sich Schere und Kleber nicht leisten. Wenn also der Lehrer Julias Bastelzeug sehen wollte, musste sie jedes Mal eine Ausrede erfinden. Die Mitschüler hänselten sie. Das Kind schämte sich, wollte daheim bleiben. „Das ist bitter“, sagt Hofmeir.
Bitter sind viele der Kinder-Geschichten, die das Leben im Hasenbergl schreibt. Hier bezieht jeder Zweite Sozialhilfe, jeder Vierte ist Ausländer. Buben und Mädchen werden vernachlässigt, früh lernen sie Entbehrung und Gewalt kennen. Als die junge Sozialpädagogin Johanna Hofmeir Anfang der 90er Jahre erlebte, dass sich das Leben der Jugendlichen im Hasenbergl hauptsächlich auf der Straße abspielt, beschloss sie, etwas zu tun. Aus ihrem Plan wurde „Lichtblick Hasenbergl“, eine Jugendhilfeeinrichtung, die seit über zehn Jahren erfolgreich arbeitet.
Kinder kamen ohne Frühstück und Pausenbrot
Derzeit kommen 70 Jungen und Mädchen an die Wintersteinstraße 35, Nachmittag für Nachmittag. Die Betreuer dort wollen ihnen einen besseren Start ins Leben ermöglichen. Mit vielen kleinen Hilfen. Doch auch mit Strenge.
Dass Kinder in der Schule nur gut lernen können, wenn sie anständig gegessen haben. ist für viele Eltern nicht selbstverständlich. Als Johanna Hofmeir mit ihrer Arbeit im Hasenbergl begann, kamen viele Kinder hungrig aus der Schule zu ihr. „Ohne Frühstück, ohne Pausenbrot“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Sie richtete einen Mittagstisch ein, mit viel Salat, Rohkost und Obst.
Im Erdgeschoss steht inzwischen ein Glasschrank, den man absperren kann. Die Kinder können dort einkaufen wie in einem Schreibwarenladen - damit es nicht so weit kommt wie bei Julia. Sie bekommen Bleistift, Zirkel und was sie sonst brauchen. Und zahlen mit Belohnungspunkten. Die bekommen sie für gute Hausaufgaben oder wenn sie in der Küche helfen.
Shoppen können die Kinder auch in der hauseigenen Boutique. „Wenn sie wegen ihrer Kleidung heruntergekommen und unmodern aussehen, werden sie gehänselt“, erklärt Hofmeir. Oder sie tragen Schuhe, die so billig und deren Sohlen so dünn sind, dass Kinder den ganzen Winter hindurch mit nassen, kalten Füßen herumliefen.
Streng geht es bei den Hausaufgaben zu. Wer meint, den Kasper spielen zu müssen, muss unter Aufsicht weiterarbeiten - auf dem Gang. Viele haben daheim ganz profane Dinge nicht gelernt. Und so, sagt Johanna Hofmeir, müsse sie vielen ihrer Schützlinge zeigen, „wie man ein Butterbrot schmiert, wie man die Schultasche packt und einen Wecker stellt“. „Lichtblick Hasenbergl" behält seine Schützlinge lange im Auge. Wenn es gut läuft, können die Mitarbeiter die Laufbahn der Kinder über Jahre hinweg verfolgen, sie langsam aufbauen und bei Krisen eingreifen. Manche kommen mit sechs Jahren und gehen, kurz bevor sie volljährig sind.
Weil für die Jugendlichen der Übertritt ins Berufsleben enorm wichtig ist, wird er lange vorbereitet. Schon mit zehn Jahren werden die Kinder trainiert, fünf Monate in jedem Jahr. „Unsere Kinder haben oft keine Vorstellung davon, wie das aussieht, ein geregelter Berufsalltag“, erklärt Hofmeir. Wenn die Eltern von Sozialleistungen leben, fehlen die Schlüsselqualifikationen, die andere Kinder einfach durchs Beobachten ihrer berufstätigen Eltern erlernen. Die Lichtblick Kinder dürfen schon früh erste Praktika in Münchner Betrieben machen, die mit der kooperieren.
Dass nicht alle Kinder dem sozialen Abseits entfliehen können, weiß Johanna Hofmeir. Umso mehr freut sie sich über Erfolgsgeschichten. Etwa die von Mira, einem kleinen Mädchen aus Indien, dessen Eltern kein Wort Deutsch sprachen. Von der Förderschule schaffte Mira es auf die Realschule. Von dort bringt sie jetzt regelmäßig gute Noten mit nach Hause. Und bei ihrem Praktikum im Feinkosttempel Dallmayr machte das indische Mädchen eine so gute Figur dass der Chef des Hauses zu Johanna Hofmeir sagte: „Mira muss sich unbedingt nach der Schule bei uns bewerben.“ Da war Johanna Hofmeir ein bisschen stolz.
Den vollständigen Artikel finden Sie auf den Seiten der Katholischen Jugendfürsorge oder unter "Eine Zuflucht im Hasenbergl"

