Quelle: Bergsteiger, 01. Januar 2006

 

DAS AKTUELLE INTERVIEW: DÖRTHE FRIESS

Von der Straße in die Berge

Das »Hasenberglc« im Münchner Norden ist eine Vorstadt mit großen sozialen Spannungen. Hohe Arbeitslosigkeit, beengte Wohnverhältnisse und Kriminalität beherrschen die Atmosphäre zwischen den Hochhäusern. Viele Kinder und Jugendliche von dort haben kaum Chancen auf einen sozialen Aufstieg. Um 60 Kids aus den Notunterkünften und den angrenzenden Sozialwohnungen kümmern sich seit über zehn Jahren die Mitarbeiter vom »Lichtblick«. Die Einrichtung der Katholischen Jugendfürsorge hat jetzt mit der Jugend des Deutschen Alpenvereins (JDAV) Bezirk München und den Sektionen München und Oberland ein gemeinsames Projekt ins Leben gerufen. Darüber sprachen wir mit der Sozialpädagogin Dörthe Friess, der Leiterin des einmaligen Vorhabens.

BERGSTEIGER: Kinder haben bekanntlich wenig Lust auf Wandern. Kinder aus den benachteiligten Großstadtvororten wahrscheinlich noch viel weniger. Warum wollen Sie ausgerechnet in die Berge mit den Kids?
Dörthe Friess: Die Berge sind eine Gegenwelt zur Weit des Hasenbergl und das brauche ich als Pädagogin. Eine ganz andere Welt, die die Kinder als positiv erleben. Eine Weit, in der der Umgang miteinander höflich ist. Man grüßt sich, man nimmt Rücksicht, man hilft sich gegenseitig, man begegnet Herausforderungen.

BERGSTEIGER: Klingt noch heiler Welt. Meinen Sie, dass »ihre« Kinder die Berge als positiv erleben werden?
Dörthe Friess: Wir haben bereits zwei Fahrten zur Jugendbildungsstätte des DAV in Bad Hindelang unternommen, beide Male drei Nächte. Eine dieser Fahrten habe ich mit meiner Gruppe durchgeführt. Von zwölf Kindern waren zehn dabei - im Alter zwischen neun und zwölf Jahren. Die haben noch Monate danach beinahe täglich gefragt, wann wir wieder in die Berge fahren.

BERGSTEIGER: Wie hoben Sie das geschafft?
Dörthe Friess: »Unserec« Kinder wissen praktisch nichts von den Bergen, weil sie noch nie dort waren. Aber eines wissen Sie ganz sicher: Wandern ist langweilig und anstrengend. Deshalb waren wir nicht beim Wandern, zumindest nicht im klassischen Sinn. Am dritten Tag haben wir eine Nachtwanderung unternommen, querfeldein und ohne Stirnlampe. Das war für die meisten erst einmal beängstigend, weit sie die Dunkelheit nur von Horrorfilmen kennen. Schließlich war es aber ein Abenteuer, bei dem sie sich gegenseitig geholfen haben, wenn es steil wurde und einer gestolpert ist. Außerdem waren wir beim Klettern oder im Hochseilgarten.

BERGSTEIGER:  Glauben Sie, dass Sie den Kindern die Berge tatsächlich näher bringen können?
Dörthe Friess: Als Erlebniswelt ja. Eine Gruppe het bei einer Fahrt nach Hindelang unweit der Jugendbildungsstätte biwakiert. Im Vorfeld hat es massiven Widerstand gegeben, denn für die meisten Kinder war das Schlafen auf dem Boden mit Schmutz und Penner-Dasein verbunden. Danach haben es alle als sehr spannend und toll empfunden. Als alpinistische Weit können wir die Berge erst einmal nicht näher bringen. Das macht aber auch nichts.

BERGSTEIGER: Um was geht es Ihnen bei diesemProjekt?
Dörthe Friess: Das Arbeiten in der Gruppe ist anders, wenn man gemeinsam in den Bergen war. Man kann auf das dort Erlebte im Alltag zurückgreifen. Ein Beispiel: In einem heftigen Streit bin ich dazwischen gegangen und wollte wissen, was los ist. Ich habe gesagt, dass diese gegenseitigen Beschimpfungen und Bedrohungen vor allem zu Wut und gegenseitigen Verletzungen führen - aber nicht zu einer Lösung. Da musste ich hören: »Wir sind immer so«, ich solle mich damit abfinden, und der Streit ging weiter so. Darauf habe ich daran erinnert, dass es in Hindelang anders war, viel gelassener. Und ob Sie's jetzt glauben oder nicht: Das hat ungemein gewirkt. Alle wurden ruhig, und dann hat einer gesagt: »Stimmt!«

BERGSTEIGER: Was sind die nächsten Schritte Projekt?
Dörthe Friess: Die langfristige Partnerschaft mit der JDAV eröffnet uns die einmalige Möglichkeit, Bergfreizeiten als pädagogisches Instrument zu nutzen. Wir wollen Teile unseres sozialen Trainings da - geht es um alltägliche Umgangsformen - künftig in den Bergen intensiv aufgreifen. Ein weiteres Ziel ist es, mehrere Tage auf einer der Selbstversorgerhütten der, Sektionen München und Oberland zu verbringen.

BERGSTEIGER: Die Eltern der kinder kennen die Berge nicht. Wie reogieren sie auf Ihre Pläne?
Dörthe Friess: Es war und ist viel Überzeugungsarbeit nötig. Beim ersten Mal wollten viele Eltern ihre Kinder gar nicht mitfahren lassen. Aber nicht wegen der befürchteten Risiken in den Bergen, sondern einfach, weil sie sich überhaupt nichts darunter vorstellen konnten.

BERGSTEIGER: Was bedeute Ihnen diese Welt der Berge, was für Sie gonz persönlich positiv am, Bergsteigen, und was ist negativ?
Dörthe Friess: Die Frage für mich ist, was mache ich aus der Bergsteigerei. Ich kann das Bergsteigen so oder so nutzen. Ich kann zu meinen Kindern sagen: Auf geht's zu diesem oder jenem Gipfel. Das macht wahrscheinlich wenig Spaß, und das halte ich auch nicht für gut . Was ganz anderes ist es, wenn ic~" die geeignete Form finde, die Kinder zu fordern, die mit mir unterwegs sind. Dabei darf es auch anstrengend, ermüdend und auch mal beängstigend sein. Insgesarn* aber sollen die Kinder Freude dabei haben. In der Bergwelt erleben sie Spannung, Abenteuer, entdecken Unbekanntes, auch sich selber und die anderen aus der Gruppe. Nochmal: Die Berge sind eine ganz besondere Erlebniswelt - für Kinder und für Erwachsene.

Den vollständigen Artikel finden Sie auf den Seiten der Katholischen Jugendfürsorge oder unter "Von der Straße in die Berge"